Samstag, 17. Oktober 2009
Wie man einen Geier fängt

Bei meiner letzten Reise in die Karibik unternahm ich auch eine Bootstour auf einem Fluss.
Der Rio Yasica ist ein mittelgroßer Fluss, der in den Bergen zwischen der Nordküste und Santiago entspringt. Nach vielen Windungen mündet er dann in den Atlantik. Sehr malerisch.
Auf den letzten Kilometern, bevor das Süßwasser sich mit dem Salzwasser des Meeres auf der Nordseite der Insel Hispaniola vermischt, bieten mehrere Unternehmer Bootstouren an. Je nach Anzahl an Personen wird mit kleineren oder größeren Booten eine Tour veranstaltet. Es geht zuerst durch eine richtige Dschungellandschaft, vorbei an Mangrovenpflanzen, Lianen und was es sonst noch so gibt im Dschungel. Krokodile soll es auch geben, allerdings nicht in diesem Fluss. Lediglich an der Station, an der die Flussfahrt begann, hatte der Besitzer eine kleine Tierschow eingerichtet. Es gab Papageien, Vogelspinnen und eben auch ein Krokodil. Nicht allzu groß, so etwa eineinhalb Meter lang. Das in einem kleinen Gehege eingepferchten Tier konnte einem leid tun, war doch sein Wassertümpel nicht mal tief genug, das es komplett eintauchen konnte. Doch begeben wir uns wieder auf den Fluss. Wir waren eine kleine Gruppe von drei Deutschen und drei dominikanischen Damen sowie unserem Führer, ein Dominikaner mit erstaunlich guten Deutschkenntnissen. Unser kleines Boot war mit einer Kühlbox ausgestattet, in der reichlich Presidente, das einheimische Bier, untergebracht war. Das Problem des Verdurstens war damit gebannt. Während der Fahrt plapperte unser Bootsführer munter drauf los, erzählte dies und das, doch so richtig zuhören konnte ich nicht, faszinierte mich doch die Flusslandschaft wirklich sehr. Wir fuhren in einem gemächlichen Tempo zuerst den Fluss abwärts um dann nachher einen Nebenfluss hinauf zu fahren. Dieser Nebenfluss war breiter als der eigentliche Fluss Yasica, dafür sehr viel flacher. Während der Fahrt bemerkten wir weiter voraus einen Schwarm Geier am Himmel kreisen. Es waren so etwa dreißig bis vierzig Tiere, die Beständig über eine Stelle nahe am Fluss flogen. Vermutlich lag dort ein verendetes Tier. Unser Bootsführer schien erst nicht interessiert und behandelte die Angelegenheit mit etwas Gleichgültigkeit. Doch beim näher kommen entdeckte Er etwas, was Ihn sehr lebhaft werden ließ. Auf einem abgestorbenen Ast, der im Wasser nahe des Ufer lag, saß ein junger Geier. Wir drei Touristen hätten dem keine weitere Beachtung geschenkt, unser einheimischer Führer erkannte aber sofort, das es sich um ein zwar fast erwachsenes Tier handelte, aber eben noch nicht Flügge. Der Geier musste wohl bei seinem ersten Flugversuch auf dem Ast gelandet sein und kam nun nicht mehr weg. Ich erinnerte mich dunkel, dass Geier beim Starten vom Boden so etwas wie eine kurze Startbahn benötigen. Also ein Losfliegen direkt aus dem Stand ging nicht.Auch unser Bootsführer schien dies zu wissen und steuerte das Boot langsam auf den Ast mit dem Geier zu. Er ließ das Boot längs zu dem Ast treiben und schnappte quasi im vorbei gehen den Geier mit geübtem Griff an den Flügeln. Die Gegenwehr des immerhin schon recht großen Tiers war erstaunlich gering. Ein schwacher Versuch mit den Flügeln zu schlagen, war alles. Unser Geierfänger band dem Tier die Füße zusammen und legte ihn auf den Bootsboden. Dann setzten wir unsere Reise fort. Das Tier blieb still. Nach einem ausgiebigen Bad an einer weiter oben gelegenen flachen Stelle fuhren wir mit dem Boot den Fluss hinunter bis zur Mündung. dort landeten wir und aßen in einer Hütte zu Salsa-Musik köstlichen Fisch mit Reis, sahen den Brandungswellen des Atlantik zu und ich bemerkte erst jetzt, dass ich mir einen gewaltigen Sonnenbrand eingehandelt hatte. Edel wie ich nun mal bin, habe ich mein Hemd einer der Damen während des Badens zur Verfügung gestellt. In der darauf folgenden Nacht war nicht viel mit Schlafen. Ein gekochter Hummer sah gegen mich nur Blassrosa aus.
Wir kehrten zurück zum Boot und konnten feststellen, dass der Geier immer noch da war. Er schien auch nicht zu leiden. Es lag eher so was wie Gleichgültigkeit in seinen glänzenden schwarzen Augen. Vielleicht wusste dieses Tier aufgrund seines Wesens, das wirklich alles vergänglich war.
Nach der Rückkehr zu der Anlegestelle, an der unsere Tour begann, verabschiedete ich mich von den zwei anderen Deutschen und zwei der Damen, die dritte war mit mir gekommen. Beim Abschied fragte ich den Bootsführer, was Er denn mit dem Geier machen wolle. Nun, der Geier werde an Tierhändler verkauft, das bringe so etwa fünfzig Dollar ein. Immerhin ungefähr ein drittel eines Monatslohn hier auf der Insel.
Einige von uns übersättigten Europäer werden nun den Gedanken der Tierquälerei im Gehirn hin und her wälzen. Das Tier wurde nicht gequält und landet vermutlich in einem Zoo. Tausendmal besser, als ein Mastschwein in Deutschland zu sein.

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